Lothringen

Jeanne d'Arc, Denkmal in Vaucouleurs

Achtundneunzig fuhren wir
am letzten Tag im Mai,
am letzten Tag im Monat Mai
fuhren wir nach Frankreich.

Mehrmals war bereits dabei
jeder aus der Runde,
als der Bus in frühster Stunde
startet unsre Tour.

Süden nein und auch nicht Westen
von Frankreich war das Ziel,
weil es dem Chef gefiel,
nach Lothringen zu fahren.

Alle fuhren gerne mit,
keinen sollt es reuen,
alle sollten sich sehr freuen,
mitgefahrn zu sein.

Und der Christian fährt,
und eine lacht,
und einer sucht ständig die richtige Spur.
Und im Omnibus hinten, da spielen sie Karten
mit Hochzeit und Solo und Contra und Re,
und Arzweiler muß noch auf uns etwas warten,
das liegt nur zum Teil an den Karten.

In Zabern, Saverne, da hielten wir
und sahen die Stadt, den Park und das Schloß.
Marie Antoinette einst lebte hier,
weil sie so gerne die Landluft genoß.
Ob ohne die hiesige Halsbandaffäre
sie glücklicher denn geworden wäre?
Sie hätte ihr Schicksal wohl kaum gewendet
und gleichwohl guillotiniert geendet.

In Fort Simserhof sahn wir den Maginot
als Denkmal, in Stein, sein Gesicht nicht sehr froh,
als hätte er schon im stillen geahnt,
daß der Gegner, durch eine List getarnt,
das Fort mit all seinen eisernen Türmen
von hinten, von rückwärts würde erstürmen.
Die Festung als nutzlos sich erwies,
doch das Glück die Besatzung am Leben ließ.

Uns hatte die Sache leicht verwirrt,
denn in Metz sind wir etwas herumgeirrt
und haben lang das Albion gesucht,
in dem wir waren eingebucht.
Doch werden wir Metz so schnell nicht vergessen,
denn Rotwein gabs frei zum Abendessen,
und beeindruckt waren wir allemale
vom Besuch in der Metzer Kathedrale.

Schaut an diese Fenster,
ja, schaut an diese Fenster
der Kathedrale von Metz.
Sie sind groß, sie sind schön, sie sind wertvoll und bunt,
sie stammen aus jedem Jahrhundert,
aus diesem Chagall, wir staunten, und
wir haben sie alle bewundert.

Metz, Toul und Verdun, als Dreiklang bekannt,
Argonnen, Ardennen, die Marne, die Maas;
hier hat 14/18 die Erde gebrannt,
sie hetzten Soldaten ins Feuer und Gas.
Unsre Großväter sind hier gestorben,
noch ehe sie Väter geworden.

Wir sahen das Beinhaus, das Ossuaire,
und wünschten im Fort von Douamont,
daß alles nie wahr geworden wär
und man hätte die Leben geschont.
Durch die Friedhöfe gehst du wie in Trance,
hunderttausend’mal „Mort pour la France“.
Gottlob haben jetzt die Enkel sich
verständigt und versöhnt.

Daß Lothringen auch Kirchen hat,
steht selbstverständlich außer Frag:
echte kleine Perlen.
Mont-devant-Sassey, Avioth,
Mont St. Martin, Neufchâteau
:
Perlen über Perlen!

Selbst Belgien blieb von uns nicht verschont,
wir haben hier zwar nicht gewohnt,
doch suchten wir ein Kloster.
Und in der Zisterzienser-Abtei
waren wiederum alle von uns dabei,
dort alt und neu zu bewundern.

In Reims erschlug uns zum zweiten Male
die Wucht einer gotischen Kathedrale;
mächtig und stolz, Figuren-bestückt,
ruht sie in sich, fast erdentrückt.
In ihr wurden Frankreichs Monarchen gesalbt
und erhielten die Zeichen ihrer Gewalt.

Hier gibt es nicht nur Vergangenheit,
wir begegneten auch der neuesten Zeit.
So wurde in Reims der Vertrag unterschrieben,
der siegelte, was von Deutschland geblieben
in fünfundvierzig, am 8. Mai,
und womit dann der schreckliche Krieg war vorbei.

Was macht man denn noch,
ja, was macht man denn noch
in Reims, in der Champagne?
Man steigt hinab in die Unterwelt,
wo kühl und im Dunkeln, wies ihm gefällt,
der Champagner langsam die Reife gewinnt,
die uns Reife durchaus ganz fröhlich stimmt.

Und weiter gings dann in einem Stück
zum Hotel de la Gare in Bar-le-Duc.
Wir wurden freundlich, fast herzlich begrüßt
und das Essen uns wieder mit Rotwein versüßt.
Neben Kunst und Kultur wird dieses Essen
von uns mit Sicherheit nicht vergessen.
Zum krönenden Abschluß gabs ein Soufflé
und tags darauf den Bildner Richier.

Wer ist denn Richier,
ja, wer ist denn Richier?
Wer ist denn der Bildhauer Ligier Richier?
Ein Bildner ist er von größtem Format,
er lebte in Dürers Jahrhundert.
Daß man bei uns ihn vergessen hat,
das hat uns schon etwas verwundert.

Wir sahn Richier in Bar-le-Duc,
in Pont-à-Mousson und St. Mihiel.
Zum Lebensende verließ ihn das Glück,
doch gilt er hier noch viel.
Er formte den Toten als halbes Skelett
und die Grablegung Christi lebensgroß,
in Nancy die Nonne im Totenbett,
Figuren grandios.
Wir werden ihn und seine Gestalten
für lange in unserm Gedächtnis behalten.

Nancy erreichten wir abends um sieben,
wo wir für die nächsten drei Nächte blieben.

Was bietet Nancy,
ja, was bietet Nancy,
das Städtchen zum Verlieben?
Zunächst mal den König Stanislas,
der machtlos war, doch viel Geld besaß;
er steckts in barocke Bauten,
die wir mit Genuß beschauten.
Dazu kam jüngst noch der Jugendstil,
der vielen gut gefiel.

Hier geschah dann auch jenes gran malheur,
gemeint ist die chose mit dem ascenseur.
Vier Paare sind hineingestiegen;
besser wär eines draußen geblieben,
denn kurz vor der premiere etage
da steckte fest die tout la bagage.
Kein Vor, Zurück, kein Runter, kein Rauf,
und auch die Türen gingen nicht auf.
Das Rufen und Klopfen verhallte im Leeren,
und die Klingel war vorne am Desk nicht zu hören.
Die Luft im Innern wurd stickig und heiß,
und zusammen verloren sie soviel Schweiß,
daß der Aufzug – erleichtert – beinah allein
fast wieder zu fahren begonnen hätte;
doch nein, die Hoffnung erwies sich als Schein,
der Käfig blieb stur an gleicher Stätte.
Da endlich bemerkte ein königlich Paar,
das auf dem Wege zum Schlafgemach war,
das Ungemach der gefangenen Truppe
und befreite zusammen mit Otis die Gruppe.

Über Toul ging ein Ausflug nach Vaucouleurs.
Wer Schiller gelesen hat, freute sich sehr,
denn hier die Mission der Johanna begann,
die bald die Unterstützung gewann
vom dortigen Stadthauptmann Beaudricourt
und so startete ihren Befreiungscours.

Die größten Dichter hat sie beflügelt
wie Shakespeare und Schiller, Shaw und Voltaire,
die Phantasieen haben auch nicht gezügelt
und zeigten Jeanne d’Arc gegenüber sich fair
Mark Twain und Claudel, Anouilh und Brecht
und viele mehr und alle mit Recht.

Auch wir waren alle gut präpariert,
und zwei haben über Jeanne d’Arc referiert,
ein dritter hat aus dem Prolog deklamiert,
und alle habens zum Schluß reflektiert.
Wir kennen von ihr nun Freuden und Not,
Leben und Taten, Prozeß und den Tod.

Man sieht hier die Jungfrau an allen Orten,
zu Pferde, zu Fuß, mit Banner und Schwert,
in Bronze, in Stein und anderen Sorten;
als Heilige wird sie innigst verehrt.
Frankreich, so scheint es, liegt ihr zu Füßen;
Franken ließ herzlich durch uns sie grüßen.

Und gar nicht weit vor Nancys Tor,
da liegt Saint-Nicolas-de-Port
mit gotischer Basilika,
geweiht dem heilgen Nicolas,
gebaut als Dank nach einer Schlacht,
die Lothringen einst Sieg gebracht.
Der Riesenbau hat einen Knick,
wie man erkennt beim zweiten Blick.
Vielleicht hat der Heilige das befohlen,
weil sie seinen Finger in Bari gestohlen.

Das Glas in Baccarat war teuer,
dafür die Kirche etwas neuer
als alle, die wir bisher sahen;
wir merkten dies bereits beim Nahen.
Die Kirche stammt aus dem Jahrhundert;
wir haben sie trotzdem bewundert.
Denn kommt man aus des Tages Helle
und überquert die Kirchenschwelle,
steht tief urplötzlich man im Dunkeln.
Ganz zart beginnt es bald zu funkeln,
entwickelt sich aus finstrer Nacht
anschwellend pure Farbenpracht;
im Chorraum leuchten auf Konturen
abstrakter menschlicher Figuren,
und in dem flutend Dämmerlicht
gewinnt das Kirchenschiff Gesicht;
ein Vorgang, einfach wunderbar,
dank Kunst und Glas aus Baccarat.
Kommst hierher, Freund, versäum es nie,
besuch die Kirche St. Remy!

Und weiter gings nach Luneville,
‘nem Örtchen, ländlich, sittlich, still,
wo wir die letzte Nacht logierten
und mehr von Stanislas noch hörten.
Er baute hier ein großes Schloß,
 - davor ein Denkmal mit ‘nem Roß –
in dem er gerne residierte
und wo er sich auch nicht genierte,
im Park genüßlich lustzuwandeln,
mit schönen Frauen anzubandeln.
Wir wandelten hier auch ‘was lust
mit unsern Damen – ganz bewußt.

Haben wir schon,
ja, haben wir schon
alle Kirchen besprochen,
die wir auf unserer Reise gesucht
und die wir mit Eifer auch besucht
oder die wir verschlossen angetroffen?

Zum Beispiel die Templerkirche in Metz;
oder Verdun, wir verstehen jetzt,
daß man in den Krypta-Kapitellen
sogar wagt, Kanonen darzustellen.
Wir haben, da Touls Kathedrale geschlossen,
den flamboyanten Kreuzgang genossen
und im Seitenkapellchen  „Madonna Lactans“,
in Blenod les Toul sahen wir dann’s
bedeutende Grab eines Bischofs von Toul,
besonders gefiel uns dabei aber wohl
die charmante Französin, die deutsch parlierte
und einmal sogar unsern Chef korrigierte.
Das kleine Kirchlein von Pompierre
besitzt, das hörten und sahen wir,
ein berühmtes romanisches Portal,
dafür warn die Fenster erste Wahl,
die spätgotisch Kosmas und Damian zeigen,
die Stadt Vézelise nennt sie ihr eigen.

In Saint-Dié, am Westrand der Vogesen,
sind wir in der Doppelkirche gewesen,
von denen eine im Kriege gesprengt.
So wurde uns nochmals eingedenk,
wie wir auf der ganzen Lothringen-Tour
doch immer wieder kreuzten die Spur
von Krieg und Tod und Kampf und Gewalt,
und der Dank gewann immer mehr Gestalt,
daß die Völker sich endlich jetzt vertragen
und gemeinsam das Wort „Europa“ sagen.

Der letzte Halt beim Francis Beck
verfolgte auch einen guten Zweck.
Wir haben Elsässer Wein genossen,
auch Völker- und sonstige Freundschaft geschlossen.
Zufrieden und selig vom guten Wein
überquerten ermattet wir den Rhein,
und in aller Mienen konnte man lesen:
Die Reise ist rundum erfolgreich gewesen.

Vergessen wir nicht,
ja, vergessen wir nicht,
den Leitern der Gruppe zu danken,
die unermüdlich bei Tag und bei Nacht
auf unser Wohlsein waren bedacht,
perfekt in der Planung wie auch der Gestaltung
uns trieben zu höchster Entfaltung.
In aller Mienen konnten und können sie lesen:

Die Lothringen-Tour ist hoffentlich nicht die letzte gewesen!

Zur Legende


Reise vom 31. Mai bis 9. Juni 1998