Kurze Legende
Kloster Loukou
Dieses nur sieben Zeilen lange Gedicht ist ein Auszug aus dem Reisegedicht
"Peloponnes" und schildert ein kleines orthodoxes Nonnenkloster nördlich
von Sparta (Mai 94)
Ein Sandkorn Sandkorn im Main
Spaßig sinnige Gedanken über ein Sandkorn (Juli 94)
Ich wollte Thomas Gottschalk sehen
Balladenhafte Beschreibung der "Wetten dass..."-Sendung vom 4.11.95,
in der auch Michael Jackson auftrat (5.11.95)
Dieses Gedicht gibt es auch als
Video im wmv-Format
Ich glaub ich spinn
Eine kleine Wortspielerei mit Hintersinn (Februar 96)
Gegensymbiosen
Liebevoll-bissige Betrachtungen oder auch Streitgespräche. Bisher
gibt es nur die sechs Teilgedichte "Der Künstler und der Ingenieur".
Weitere Paare können folgen. (April 96)
Fehlersuche
Ein halb ernst gemeintes Computergedicht (Mai 96)
Datenwort
Ein nicht ernstes Computergedicht in Sonettform (Mai 96)
Abschied
Ein sehr ernst gemeintes Computergedicht (August 96)
Verstaubte Regale
Ein Gedicht, dessen Bedeutung und Sinn sich nur schwer erschließen
lassen (September 96)
Männer
Drei bekannte Politiker aus drei Kontinenten (November 96)
Alt und jung
Ein paar weitere Gedanken zu dem sattsam bekannten Thema (Mai 97)
Kastanien und Feuer
Eine kleine Lebensweisheit für Allzumutige (Juli 97)
Sag mir
Noch mehr Lebensweisheiten (unernst gemeint) (September 97)
Ich halte und atme und wünsche auf immer
Ein Beispiel, wie man beim Leser durch den Austausch ganz weniger Worte
in einem Gedicht die unterschiedlichsten Gefühle erzeugen kann - vorausgesetzt,
der Leser ist bereit, Gefühl einzusetzen.
Die beiden folgenden Gedichte sind
eigentlich rein privater Natur. Ich habe sie hier nur wegen ihres Zeit-
bzw. Lokalkolorits aufgenommen.
Brüderlein und Schwesterlein
Meiner Schwester Ursula zum 60. Geburtstag eine Ballade über unsere
gemeinsame Kindheit (31.12.96)
Hommage für Hildegard und Dieter
Dem sehr eng befreundeten Ehepaar gewidmet (Juni 1997)
Kloster Loukou
Auf dem Wege nach Sparta da haben wir
ein liebliches Kleinod gefunden.
Zehn freundliche Nonnen leben hier,
mit Natur und mit Gott umwunden.
Dir kleines Kirchlein, vom Brand unversehrt,
im blühenden Garten, Ikonen-verziert,
bleib ich für immer verbunden.
Ein Sandkorn im Main
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Mein nächstes Ziel ist der Rhein.
Auch wenn Jahre verstreichen,
werde ich ihn erreichen;
das darf doch so schwer wohl nicht sein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Ich war mal ein ganz großer Stein.
Doch nun bin ich zerrieben
von dem Zerren und Schieben;
zum Trost bleibt mir aber der Wein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"In einem Getriebe zu sein
auch nur einmal im Leben,
ist der Wunsch eines jeden
und würde uns himmlisch erfreun."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main
und versuchte ganz laut dies zu schrein:
"Auch durch Liebe kommt Kummer,
manchmal raubt er den Schlummer;
doch Liebe auch lindert die Pein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Für mich interressiert sich kein Schwein.
Alle werd ich verachten,
welche mich nicht beachten,
und schwimme für mich ganz allein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Bewahret mein sterblich Gebein
bitte ohne viel Erde,
aber frommer Gebärde,
in einem Reliquienschrein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main,
es sagte das echt nur zum Schein:
"Ja was nützt alles Streben,
so klein will ich nicht leben,
ein Kieselstein möchte ich sein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Ich war mal ein Kieselstein.
Einst bei Fürth an der Pegnitz
- oder war es die Regnitz -
da trat mich der Wallenstein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Auch ich war mal Felsengestein.
Doch dann hat mich zermahlen
meine Umwelt mit Qualen.
Jetzt bin ich sehr klein aber fein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Ich wollt, ich wär nicht so allein.
Darum werd ich beim Sandeln
mal ein bißchen anbandeln
und treiben dann abwärts zu zwein."
Und dann sagte ein Sandkorn im Main:
"Kein weiterer Reim fiel ihm ein,
um mein Leben zu schildern
in plastischen Bildern.
Vielleicht fällt ja Ihnen was ein."
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Ich wollte Thomas Gottschalk sehen
(Dieses Gedicht gibt es auch als Video im wmv-Format)
Ich saß im Sofa gestern abend und sah fern,
ich wollte Thomas Gottschalk sehen.
Von Zeit zu Zeit tu ich das gern.
Es schert mich nicht, wenn manche vielleicht denken:
"Sowas gehört sich nicht für einen ältern Herrn!"
Ich darf doch schauen, was ich will,
in meinen eignen Wänden.
Ich saß dazu im Sofa, war ganz still
und streichelte mein Bäuchlein mit den Händen;
ich hatte nicht einmal ein Bierglas vor mir stehen.
Ich wollte nur ganz einfach gestern abend Thomas Gottschalk sehen
Und sah ihn auch, den blonden Helden,
im gutgeschnittenen und goldenen Jackett,
schön lockig auch das Haar geföhnt;
er plauderte wie immer locker, leicht und nett,
und auch die Weste golden und die Hose
schon ausgefallen etwas, im strengen Sinn nicht unbedingt adrett.
So haben wir uns längst an ihn gewöhnt
Ich wollte ihn nicht sehen nur um seinetwillen,
das sei hier einmal deutlich klargestellt,
ich wollt' ihn sehen, weil es mir gefällt,
wie er so manche Größe dieser Welt
uns näherbringt. Und nochmals und um Gottes willen
ich wollte ihn nicht sehen nur um seinetwillen
Denn gestern, ja, da war uns angekündigt,
daß zu ihm just ein Show- und Weltstar käm,
ein Phänomen, an dem vielleicht die Welt sich jüngst versündigt,
vielleicht auch nicht, weil's stimmt, was weltweit über ihn verkündigt,
nun kurz, es hieß, daß Michael Jackson käm.
Und ihn zu seh'n, wollt' ich mir doch nicht nehmen lassen,
denn ich kann es bis heute noch nicht fassen,
daß solch ein Mann, ein Milchgesicht,
die ganze halbe Welt elektrisiert,
vielleicht, weil er vielleicht ein Bösewicht,
und zudem ist ganz glatt er ra- und auch frisiert
Doch vorher noch, bevor er kam,
serviert uns Gottschalk ausgefallene Wetten
und Gäste, die wir ohne ihn
so menschlich nie gesehen hätten,
aus Politik, Kultur und Showgeschäft.
Es ist gekonnt, wie er das macht, nicht nachgeäfft.
Er weiß natürlich ganz genau,
daß er von Beifall wird umrauscht,
wie er den Gerhard Schröder dann und dessen Frau
leger begrüßt, mit ihnen plauscht
und fragt, wie sie als Kanzlerehepaar sich fühlen würden,
wohlwissend, welche Hürden
diesen Kandidaten noch im Wege stehen.
Doch grade darum will ich Thomas Gottschalk sehen.
Und dann kam er, der Mega-Star;
er war mit seiner ganzen Truppe plötzlich da.
Er tanzte, zuckte, sprach und sang auch hin und wieder,
und was er sang, es waren keine Schubert-Lieder.
Es war obszön und ganz und gar nicht bieder,
wie er von Zeit zu Zeit sich heftig vorne an die Hose faßte,
er prüfte dabei nicht nur, ob sie paßte.
Er heizte geil die ganze Halle auf,
die Menschen sprangen von den Sitzen auf
und warfen Blumen auf die Bühne rauf.
Das Fangekreische schrill die Boxen übertönte,
auch was er sang und was er manchmal stöhnte.
Und als er dann in Nebel und Musik nach oben schwebte,
sein Hemd zerriß und mit entblößter Brust,
derweil die ganze Halle unten vor ihm bebte,
Ekstase mimte und die höchste Lust,
da konnte ich es richtig erst verstehen
und wußte, darum will ich Thomas Gottschalk sehen.
Dem Gottschalk fiel nicht leicht, die Massen neu zu domestieren.
Es war der Höhepunkt vorbei,
doch weiter hörte man im Halleninnern und auch außen mit
Geschrei
die Menschen nach dem Jackson gieren.
Und dann, das Blut schien in den Adern zu gefrieren,
am Bildschirm unten eine Zeile lief:
"Attentat in Tel Aviv".
Denn während wir bei uns die Show genossen,
ist wiederum in Israel das Blut geflossen.
Nach seiner Rede, in der zuvor
er vehement den Frieden der Region beschwor,
ward Jitzhak Rabin, der Premier, erschossen.
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Ich glaub ich spinn
Ich ging so in Gedanken hin
und plötzlich dachte ich ich spinn
ich dachte dachte ich ich spinn
wohin geh ich denn in Gedanken hin
was hat das Gehen denn für einen Sinn
und wem bringt dieses Gehen denn Gewinn
wenn ich nur in Gedanken gehe hin
erst dachte ich glaub ich ich spinn
dann dachte ich ich glaub ich spinn.
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Gegensymbiosen
Der Künstler und der Ingenieur - 01
Ich bin ein Künstler, sagt er stolz,
mir liegt die Welt zu Füßen,
und tut sie's nicht, na ja, was soll's,
sie wird es bitter büßen.
Und ich, ich bin ein Ingenieur,
ich lieg der Welt zu Füßen,
und täte ich das nimmermehr,
so müßt ich's bitter büßen.
Er geht nach Haus, noch vor dem Bett
hört Mozart er und Brahms.
Der Künstler sitzt im Jumbojet
und fliegt auf die Baham's.
Der Künstler und der Ingenieur - 02
Von Hause bin ich Ingenieur,
das habe ich studiert;
in Wirtschaftskreisen bin ich wer.
Hast du das kapiert?
Ich bin ein Künstler, glaube ich,
ich diene nur der Kunst.
In Künstlerkreisen kennt man mich,
erweist mir Lob und Gunst.
Der Wirtschaftsboß fliegt um die Welt,
regiert dabei Konzerne.
Der arme Künstler hat kein Geld,
doch greift er nach d' Sterne.
Der Künstler und der Ingenieur - 03
Mich Ingenieur kennt keine Sau,
wer sollte mich auch kennen.
Selbst wenn ich einen Jumbo bau,
wird man die Firma nennen.
Mich Künstler kennt bald jedes Kind;
die Nachwelt wird mich ehren.
Weil Künstler Unikate sind,
wird man mich stets begehren.
Ich Ingenieur werd' gern gebraucht
für Autos, Strom und Bahn.
Mir Künstler, der sein Hirn verstaucht,
verstärkt man noch den Wahn.
Der Künstler und der Ingenieur - 04
Wer baute denn die Pyramiden?
Doch wohl ein Ingenieur;
bescheiden ist er halt geblieben,
drum kennt ihn keiner mehr.
Von Künstlern, die man nicht mehr kennt,
kennt selten man die Werke;
den Weltruhm haben sie verpennt,
drum rühr die Trommel. Merke!:
Der Künstler und sein Werk sind eins,
gehören stets zusammen;
dein Los, oh Ingenieur bewein's,
doch sollst du's nicht verdammen.
Der Künstler und der Ingenieur - 05
Gar große Geister gab es schon
in meinem Wirkungskreis,
den Daimler, Bosch und Edison,
wie jedes Kind ja weiß.
Der Künstler darauf lächelt weise
und sagt, was soll denn das,
erprob doch eine Künstlerreise
mal von Homer bis Grass.
Ja, ja, ich weiß und bin schon still,
du kriegst den ersten Preis.
Der Künstler denkt, was der nur will,
und brummelt, red' kein Scheiß.
Der Künstler und der Ingenieur - 06
Mich hat, so ruft der Künstler aus,
die Muse heiß geküßt.
Jetzt drängt's mit Macht aus mir heraus,
was nicht so einfach ist.
Und mir, bemerkt der Ingenieur,
kam nachts ein Geistesblitz:
Auch Kunst ist letztlich Teil von mir,
das ist kein Aberwitz.
Der Künstler braucht Ingenium,
der Ingenieur die Kunst,
und jeder braucht sein Gremium,
sonst ist ihr Werk umsunst.
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Fehlersuche
Soll ich sie loben, die EDV?
Soll ich es loben, das Internet?
"Komm schon nach oben", ruft meine Frau,
"komm schon nach oben, es wartet das Bett."
Doch die Festplatte brummt und es tuckert der Drucker,
das ROM-Laufwerk summt und der Mauszeiger blinkt;
und ich hör da im Lautsprecher deutlich 'nen Rucker
im Lied, das Juliane Werding grad singt.
Das kann ich nicht lassen, das muß ich noch klären,
es ist nicht zu fassen, mein Treiber ist morsch;
und so tauch ich hinab in die Software-Sphären.
Wie löste doch neulich den Fehler der Schorsch?
Muß ich bekennen, nach wievielen Stunden
- verflogen das Gähnen für diese Nacht -
der kryptische Fehler wurde gefunden?
Teufel nochmal, hat der Kasten 'ne Macht!
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Datenwort
Mein Motherboard ist fort, und ich bin Waise.
Geh Father, bitte, du nicht auch noch fort.
Ich zög allein auf meine Datenreise
und surfte durch das Web von Ort zu Ort
als Zombie, häßlich, hilf- und parentloses
bit- und bytegezähmtes Datenwort,
wie einst im Schilf der frischgeborne Moses,
ein Findelkind, der World zu Spott und Sport.
Wie er sein Volk durch Meer und Wüste führte,
so leite ich euch durch das Wide Web,
und so wie Ehre ihm dafür gebührte,
gebührt sie mir, sonst wär ich doch der Depp.
Auch sorgte er sich stets um Trank und Speise.
Und ich? Ich probe dies auf meine Weise.
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Abschied
Wehmut schlich sich mir ins Herz,
als ich dich in andre Hände gab,
Wehmut und auch Abschiedsschmerz
wie an einem Grab.
Treu bist du mir stets gewesen,
murrtest nie und hast auch nie geklagt,
hast geschrieben, hast gelesen,
nie den Dienst versagt.
Manchmal zeigtest du auch Mucken,
doch wir kamen immer damit klar;
Mucken zum Zusammenrucken
waren dies fürwahr.
Brauchte ich dich, strahltest du,
warst mir teuer, lange Jahre treu,
dientest ohne Rast und Ruh
Tag für Tag aufs neu.
Und jetzt müssen wir uns trennen,
Und der Abschied tut uns beiden weh.
Immer werd ich Freund dich nennen,
glaub's mir, mein PC.
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Es gab kein Gedränge in den Regalen,
die man verstauben ließ.
Es gab kein Gestänge an den Pedalen
die man verschrauben ließ.
Es gab kein Gepränge an den Sandalen,
die man sich rauben ließ.
Doch gab es Gesänge in den Annalen,
was uns ertauben ließ,
dazu gab es Strenge voll bitterer Qualen,
wie man uns glauben ließ,
und gab eine Menge hell leuchtender Strahlen,
die man erlauben ließ.
In den Annalen wurden die Strahlen zu bitteren Qualen,
und in den Regalen staken Sandalen in den Pedalen.
Im erlaubten Gedränge der glaubenden Menge
ertaubten verstaubt im Gepränge Gesänge
und raubten der Strenge verschraubtes Gestänge.
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Männer
Bill Clinton, der die Wahl gewann,
ist immer noch ein junger Mann.
Bokassa, der ein schwarzer Mann,
ist jetzt in echt ein toter Mann.
Und Jelzin ist ein kranker Mann,
der nach wie vor regieren tuen kann.
Da hält die Welt den Atem an.
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Alt und jung
I
Das Alter schaut nach hinten,
die Jugend blickt nach vorn.
Sie fragt, was will ich finden,
es, was hab ich verlorn.
Doch blicken manche Alten,
als wärn sie frisch geborn,
trotz Furchen und trotz Falten
geradewegs nach vorn.
II
Drum, Junge, sag ich,
paß auf, sonst siehst du alt aus;
schau dich nicht um,
du übersiehst den Alten,
der vor dir läuft.
III
Und dann trat aus dem Schatten der Alte
und sagte mit strengem Gesicht,
geh hin, junger Freund, und gestalte,
gestalte die werdende Falte,
die Falte in deinem Gesicht.
IV
Ein junger Mann aus gutem Haus
ging eines Abends fröhlich aus;
er wollte was erleben.
Früh kam er heim, ganz klein mit Hut,
zerknirscht, geläutert, und er tut
seitdem nach Höherm streben.
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Kastanien und Feuer
Willst du Kastanien aus dem Feuer holen,
frag erst, wer sie hineingesteckt,
dann, wer die Flamme angefacht.
Du bist schlauer, wenn es kracht.
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Sag mir
Sag mir, wo du surfst,
und ich sage dir, wer du bist.
Sag mir, was du schlürfst,
und ich sage dir, was du ißt.
Sag mir, wen du verehrst,
und ich sage dir, wie du endest.
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Ich halte und atme und wünsche auf immer
Der Ästhet
Ich halte
dein Gedicht in meinen Händen
und atme
zeilenweise es in mich hinein
und wünsche,
niemals, niemals dürft es enden,
auf immer
könnte dieser warme Dauerschwebezustand sein.
Der Liebende
Ich halte
dein Gesicht in meinen Händen
und atme
deinen Duft ganz tief in mich hinein
und wünsche,
niemals, niemals dürft es enden,
auf immer
könnte dieser warme Dauerschwebezustand sein.
Der Trinker
Ich halte
einen Schnaps in meinen Händen
und atme
seinen Duft ganz tief in mich hinein
und wünsche,
niemals, niemals dürft es enden,
auf immer
könnte dieser warme Dauerschwebezustand sein.
Die drei Gedichte können auch in anderer Reihenfolge
gelesen, gesprochen, verinnerlicht werden, je nachdem welcher Dauerschwebezustand
endgültig erhalten bleiben soll.
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Brüderlein und Schwesterlein
Es waren, wenn auch damals noch sehr klein,
einstmals ein Brüderlein und Schwesterlein.
Der große Krieg zog schrecklich übers Land,
den man den Zweiten Weltkrieg hat genannt.
Und als dort, wo sie wohnten, Bomben fielen,
war weder Platz noch Zeit zu Kinderspielen
im Industriegebiet an Rhein und Ruhr,
weshalb das Kinderpaar gen Süden fuhr.
Denn dort im fernen schönen Badnerland,
wo Kriegslärm bis dahin noch unbekannt,
dort lebte fromm und hinter Klostermauern
die gute Tante, ohne zu versauern.
Ein Kloster wars und auch von Gottes Gnad
Gymnasium und Mädchenpensionat,
wo diese, Mutter Caritas mit Namen,
lehrte und wohin die Kinder kamen.
Das Mutterhaus liegt mitten in der Stadt
ganz nah, wo Offenburg den Bahnhof hat.
Dazu gehört, abseits von Lärm und Krach,
das Landgut "Klöschterle von Fessenbach".
In dieses Klöschterle, gar schmuck und fein,
fiel das Geschwisterpäarchen fröhlich ein.
Mit Nonnen lebten sie und weitern Mädchen,
die kamen aus dem Pensionat im Städtchen.
Das Knäblein war das einzig männlich Wesen
und paradiesisch wäre es gewesen,
hätt er die Lage besser nur durchschaut;
knapp zehn war er doch erst, die arme Haut.
Für beide war es echt ein Paradies
mit Kirchlein, großem Haus und überdies
ein Garten, schmuck, in dem man sich verlor,
lebendig wurd es hier wie nie zuvor.
Und wenn die Eltern sie besuchen kamen,
zeigte das Mägdlein oftmals kein Erbarmen
und rannte mit 'nem "Tschüß" nur in den Garten,
die Schnecken sollten dort nicht länger warten.
Und dann die Sache mit dem Leiterwagen,
die eines Tages sich hat zugetragen.
Die zwei, sie kannten sich schon recht gut aus,
schickt man nach Offenburg zum Mutterhaus.
Sie sollten dort wohl irgend etwas holen,
vielleicht Kartoffeln, sicher keine Kohlen,
drum gab man ihnen jenen Wagen mit,
der mäßig rollt, doch dafür ohne Sprit.
Zusammen ziehen sie das erste Stück,
doch bald schon geht es abwärts dann zum Glück,
da kann man ja den Wagen laufen lassen.
So setzen sie sich - es ist nicht zu fassen -
gemeinsam innen in den Wagen rein.
Die Deichsel steuert er mit einem Bein.
Und immer schneller gehts den Berg hinab;
die Fahrt gefällt dem Mädchen und dem Knab.
Und lachend stimmen sie ein Liedchen an,
das "Oh, wie ist das Leben schön, Susann'".
Und durch den Hohlweg braust der Bollerwagen,
wie schnell genau, das ist nur schwer zu sagen.
Und Schicksal spielt den beiden dann ein Stein,
er liegt halt da, wie könnt es anders sein,
und hemmt abrupt das rechte Vorderrad,
worauf die Deichsel ausschlägt, und zwar hart.
Der Wagen schießt mit Schwung die Hohlwand rauf,
dies stoppt zwar, Gott sei Dank, den schnellen Lauf,
doch neigt zur Seite er sich immer schräger,
verweigert dann auch seine Pflicht als Träger,
katapultiert die beiden einfach raus.
Und damit wäre die Geschichte aus,
wenn sich die beiden etwa nach zwei Stunden
an ihrem Ziele hätten eingefunden.
Doch nein, es dauert lang und immer länger,
die Mienen werden bang und immer bänger
im Klöschterle wie auch im Mutterhaus;
von beiden Seiten schickt man Spähtrupps aus.
Man fand die zwei, nicht weit von ihrem Ziel,
an einem Brunnen, mitten im Gewühl.
Sie wuschen dort die Schrammen und die Wunden,
und auch die Kleidung war ganz schön geschunden.
Zwar war die Freude groß, doch kam auch Klage,
und auch nach dem Verspätungsgrund die Frage.
Und stammelnd sucht er nach dem Wort, dem rechten:
"Ich mußte dauernd ihre Zöpfe flechten."
Von beiden gäbs noch Vieles zu berichten
von Spielen, Streichen und von ihren Pflichten;
zwei Jahre blieben sie an diesem Ort.
Doch leider mußten sie hier wieder fort.
Es neigte sich der Krieg zu seinem Ende,
und unbestimmt, ob Sicherheit man fände
wohl weiterhin im Schutz von Klostermauern;
Gedankenspiele gab es zum Erschauern.
Drum kehrten sie ins Ruhrgebiet zurück.
Bringt es Verderben oder bringt es Glück?
Man wußt' es nicht, man konnte es nicht wissen;
man hat das Schicksal einfach tragen müssen.
So wie in jener feuerhellen Nacht:
Im Bombenhagel sind wir aufgewacht,
und eine fiel knapp neben unser Haus;
fast gingen damals alle Lichter aus.
Doch Kinder, wie halt Kinder nun so sind,
dem Schrecken gegenüber manchmal blind,
sie suchten dann nach jedem Stahlgewitter
in der Umgebung frische Bombensplitter.
Sie sorgten sich, ob sie auch schöne fänden,
und kamen heim mit Pulver an den Händen.
Stolz sagten sie, die Mutter hörts verwundert:
"Noch drei Bombardements, dann ham wir hundert."
Lang ist es her, was damals so geschah.
Nun ist sie "Sechzig", unsre Ursula,
und denkt, wie auch der Bruder, oft zurück
an dieses zweifelhafte Kinderglück.
Und solltest Du hier kurz einmal verweilen,
Dein Bruder Burkhard schrieb Dir diese Zeilen,
der einstimmt in den Chor der Jubelschar:
"Es lebe hoch das Schwesterlein, die Ursula!"
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Hommage für Hildegard und Dieter
Mit Risacks wollen wir jetzt feiern,
mit Risacks, heute, hier in Bayern,
in Erlangen, im Frankenland,
wo sie, wie hinlänglich bekannt,
weils hier halt immer schön ist - eben -
seit mehreren Jahrzehnten leben.
Und sie feiern ein außergewöhnliches Fest.
Die Einladung war schon ein Ratetest,
denn summiert man von beiden die Lebensjahre,
addiert dann - mal zwei - noch die Ehejahre,
ergibt sich sodann, wir hörens verwundert,
die stolze Zahl von zweimal einhundert.
Zehn Jahre voraus ist der Mann seiner Frau,
ihre Hochzeit war 62, genau.
Hieraus ermittelt jeder unschwer,
wie alt sie heut ist und natürlich auch er.
Und wir grüßen und gratulieren dem Paar
und feiern mit ihnen die 200 Jahr.
Sie lebten nicht schon seit jeher hier,
sie kamen von ferne, so wissen wir,
von Norden, jawohl, aus Nordrhein-Westfalen,
und sie kamen nicht nur, um hier Steuern zu zahlen.
Für sie wurde Erlangen Heimatstadt,
verschwunden dabei is dat "Dat" und dat "Wat".
Sie, Hildegard, stammt aus Hamborn am Rhein,
wo Zechen und Stahlhütten stehn,
konnt am Abendhimmel im Feuerschein
den Hochofenabstich sehn.
Wo Bessemerbirnen erbliesen den Stahl
und Kokereien stanken,
wo Kumpel am Zahltag schon einmal
die Lohntüte einfach vertranken,
Wo finster am Himmel die Rußwolken stieben
und alles lebt' von der Kohle,
wo dennoch Menschen Menschen geblieben,
auch die von der siebten Sohle,
Wo am Altmarkt am Markttag die Marktschreier schrein
und die Straßenbahn ruckelt auf Schmalspur,
wo zum Stadtpark und zum Jubiläumshain
man zum Spazierengehn hinfuhr,
Dort wuchs sie heran, dort wurde sie groß,
ich kann dies ehrlich bezeugen,
behütet in Hamborn, im Ruhrgebiets-Schoß;
wir taten uns auch mal beäugen.
Und er, der Dieter, ist Kind von der Düssel,
die hatten noch nie einen Sprung in der Schüssel,
sind weltoffen, freundlich, clever wenn nötig,
nur selten devot und ehrerbötig.
Er hat seine Jugend im Kriege verbracht,
im Schützengraben so manche Nacht;
im Alter, wo unsre die Schulbank drücken,
mußte er als Soldat ins Feld ausrücken.
In Frankreich dann die Gefangenschaft,
sie fordert heraus seine Manneskraft,
bis schließlich Entlassung wird ihm kund,
dem Büblein von nicht einmal 100 Pfund.
Drauf schließt sich in Karlsruh' ein Studium an,
aus dem Bürschlein formt sich ein würdiger Mann,
der dann - etwas später - lernt Hildegard kennen,
und sie sich erst Liebes- bald Ehepaar nennen.
Denn als sie kamen aus der Ferne,
da waren sie schon ein Ehepaar;
sie kamen, man weiß es, nach Erlangen gerne,
nicht nur weil der Firmenstammsitz hier war.
Auch kamen sie nicht ganz allein,
denn versteckt im Gepäck war eine Wiege,
worinnen gedieh manch Knäblein fein
bis hin zu ihrer Dreierriege.
Der erste ist jetzt Medikus,
der zweite Architekt,
der dritte und jüngste Filius
hat die bits und bytes entdeckt.
Ein Häuslein bauten sie sich bald
nah beim Kanal, nicht weit vom Wald
und pflanzten drum herum im Garten
gepflegte Blumen aller Arten.
Dies hier ist nun ihr Domizil,
es zeigt Geschmack und feinen Stil,
empfängt auch immer freundlich Gäste,
wie heute zum Familienfeste.
Von hier aus pflegen sie ihr Leben,
obliegen auch dem edlen Streben
nach Kunstgenuß und nach dem Schönen,
mit dem sie gerne sich verwöhnen.
Sie fördern den Kulturbetrieb,
die Literatur ist ihnen lieb,
Musik, Theater, Malerei
und nichts davon nur nebenbei.
Sehr gerne gehen sie auch Speisen,
recht häufig sehn wir sie auf Reisen,
in kleiner Runde, auch allein;
gar vieles will bereiset sein.
Sie reisen auch in großer Runde,
die jüngst, mit anderen im Bunde,
sie mehrmals auch organisierten,
und uns mediterran entführten.
Ein jedes Kirchlein der Romanik
versetzt sie dann in hellste Panik:
Den Foto her, und auf die Schnelle
schießt Säulen er und Kapitelle.
Die Gotik lassen sie noch gelten,
doch trennen im Geschmack sie Welten
von dem, der herrschte im Barock.
Barock versetzt sie voll in Schock.
Noch manches gäb es zu berichten
von Hobbies und erfüllten Pflichten,
von Freud und Leid in all den Jahren,
die diese Zwei zusammen waren.
Drum ist hier vieles nur marginal,
vielleicht ist auch vieles nicht wichtig;
aus vielem fiel hierauf meine Wahl,
vielleicht ist auch manches nicht richtig.
Doch 200 Jahre ist ganz schön viel Holz,
um das in Zeilen zu pressen;
ich bitt Euch ganz herzlich, sagt einfach: "Was solls!
Da darf man schon etwas vergessen."
Doch vergessen werde ich keineswegs
diesen Abend und diese Runde;
ich mach Schluß jetzt und bin schon unterwegs
mit einem "Danke hierfür" im Munde.
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